Wenn ein Traditionsunternehmen nach über 70 Jahren plötzlich Insolvenz anmeldet, trifft das nicht nur die Eigentümerfamilie hart – es betrifft auch Hunderte von Mitarbeitern, treue Stammkunden und zahlreiche Geschäftspartner. Genau das ist im September 2025 bei der Bäckerei Leifert GmbH aus Gifhorn passiert. Das Unternehmen hat beim Amtsgericht Gifhorn einen Insolvenzantrag gestellt und damit eine Welle von Fragen ausgelöst: Bleiben die Filialen geöffnet? Sind die Jobs sicher? Und wie soll es weitergehen? Dieser Artikel gibt einen klaren Überblick über das Bäckerei Leifert Insolvenzverfahren – von den Hintergründen über die aktuelle Lage bis hin zu den möglichen nächsten Schritten.
Wer ist die Bäckerei Leifert?
Die Geschichte der Bäckerei Leifert beginnt im Jahr 1950 in Gifhorn, Niedersachsen. Gegründet in der Nachkriegszeit, als die Grundversorgung der Bevölkerung oberste Priorität hatte, wuchs das Unternehmen über die Jahrzehnte zu einer bekannten regionalen Bäckereikette heran. Heute führt die dritte Generation der Familie Leifert das Unternehmen – Geschäftsführer Nils Leifert steht an der Spitze des Betriebs.
Mit über 40 Filialen ist die Bäckerei in Wolfsburg, Gifhorn, Braunschweig und der Region Hannover vertreten. Ein besonderes Merkmal des Unternehmens ist seine starke Präsenz in den Vorkassenbereichen großer Supermärkte: Netto, Rewe, Edeka, Kaufland und Penny gehören zu den Partnern, in deren Märkten Leifert-Filialen betrieben werden. Die Bilanzsumme des Unternehmens liegt bei rund 4,2 Millionen Euro, und etwa 220 Mitarbeitende sind bei der Bäckerei beschäftigt.
Was ist das Insolvenzverfahren bei Leifert?
Im September 2025 stellte die Bäckerei Leifert GmbH beim Amtsgericht Gifhorn einen Insolvenzantrag. Das Verfahren trägt das Aktenzeichen 35 IN 167/25 und wurde als sogenannte Insolvenz in Eigenverwaltung eingeleitet – ein wichtiger Unterschied zum klassischen Regelinsolvenzverfahren.
Was bedeutet das konkret? Bei einer Insolvenz in Eigenverwaltung nach § 270 der Insolvenzordnung (InsO) behält die bisherige Geschäftsführung die operative Kontrolle über das Unternehmen. Sie arbeitet jedoch nicht allein: Das Amtsgericht Gifhorn bestellte Rechtsanwalt Dr. Malte Köster von der Kanzlei Willmer Köster in Hannover als vorläufigen Sachwalter. Seine Aufgabe ist es, die Geschäftsführung zu beaufsichtigen und die Interessen der Gläubiger zu wahren. Als Sanierungsbegleiter und Generalhandlungsbevollmächtigter wurde zudem Rechtsanwalt Joachim Walterscheid eingesetzt, der die Restrukturierung fachlich begleitet.
Gläubiger, die Forderungen gegenüber dem Unternehmen haben, wurden aufgefordert, diese bis zum 5. März 2026 beim Sachwalter schriftlich anzumelden.
Warum hat Bäckerei Leifert Insolvenz angemeldet?
Die Ursachen für das Bäckerei Leifert Insolvenzverfahren sind vielfältig – und sie spiegeln gleichzeitig die allgemeinen Probleme der gesamten deutschen Bäckereibranche wider.
An erster Stelle stehen die stark gestiegenen Energiekosten seit dem Jahr 2022. Backöfen, Kühlanlagen und Beleuchtung verbrauchen enorme Mengen an Strom und Gas – Kostenpositionen, die für viele Betriebe schnell existenzbedrohend wurden. Hinzu kommen deutlich höhere Rohstoffpreise für Mehl, Butter, Zucker und andere Grundzutaten. Zwischen 2019 und 2023 verteuerten sich Brot und Brötchen in Deutschland um rund 34 Prozent – mehr als doppelt so stark wie die allgemeinen Verbraucherpreise.
Gleichzeitig reagieren viele Verbraucher auf die gestiegenen Preise mit einem veränderten Einkaufsverhalten: Sie weichen verstärkt auf günstigere Eigenmarken der Supermärkte aus, was den Filialbäckereien im direkten Wettbewerb mit dem Lebensmitteleinzelhandel zusetzt. Dieser strukturelle Druck machte sich bei Leifert bereits vor dem Insolvenzantrag bemerkbar – vor drei Jahren betrieb das Unternehmen noch 56 Filialen, heute sind es nur noch rund 40. Die Schieflage begann also nicht über Nacht.
Was bedeutet das für Kunden?
Für Kundinnen und Kunden der Bäckerei Leifert gibt es zunächst eine beruhigende Nachricht: Alle Filialen bleiben während des laufenden Insolvenzverfahrens geöffnet. Geschäftsführer Nils Leifert hat persönlich zugesichert, dass das gewohnte Sortiment an Backwaren, Kuchen und Snacks weiterhin in gewohnter Qualität erhältlich sein wird.
Wer Filialen in Supermärkten wie Netto, Rewe oder Edeka besucht, muss ebenfalls keine sofortigen Schließungen befürchten – der Betrieb läuft dort regulär weiter. Dennoch empfiehlt es sich, bei etwaigen Gutscheinen oder offenen Guthaben Vorsicht walten zu lassen. Im Rahmen eines Insolvenzverfahrens können Vorauszahlungen und Gutscheine unter Umständen nicht mehr vollständig eingelöst werden. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte sich direkt beim Unternehmen oder beim Sachwalter über den aktuellen Stand informieren.
Was bedeutet das für Mitarbeiter?
Rund 220 Beschäftigte bangen um ihre berufliche Zukunft – das ist die menschliche Seite des Bäckerei Leifert Insolvenzverfahrens. Doch auch hier gibt es zumindest kurzfristig Sicherheit: Die Gehälter der Mitarbeitenden sind durch das Insolvenzgeld abgedeckt, das von der Bundesagentur für Arbeit ausgezahlt wird. Dieses Insolvenzgeld sichert die Löhne in der Regel für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten.
Massenentlassungen hat die Geschäftsführung bisher nicht angekündigt. Im Gegenteil: Das erklärte Ziel der Unternehmensleitung ist es, durch das Sanierungsverfahren die Strukturen so anzupassen, dass die Arbeitsplätze langfristig gesichert werden können. Ob dieses Ziel erreichbar ist, hängt vom weiteren Verlauf des Verfahrens ab.
Wie läuft das Sanierungsverfahren ab?
Ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung läuft in mehreren Phasen ab, und es ist wichtig zu verstehen, dass Insolvenz nicht automatisch das Ende eines Unternehmens bedeutet.
In der ersten Phase – der vorläufigen Eigenverwaltung – steht die Stabilisierung des laufenden Betriebs im Vordergrund. Es wird eine genaue Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen Lage gemacht, laufende Kosten werden optimiert und erste Restrukturierungsmaßnahmen eingeleitet.
In der zweiten Phase erarbeitet die Geschäftsführung gemeinsam mit dem Sanierungsexperten entweder einen Insolvenzplan oder es wird aktiv nach einem Investor oder Käufer für das Unternehmen gesucht. Beide Wege sind möglich und hängen von den jeweiligen Verhandlungsergebnissen ab.
In der dritten Phase kommt es zur Gläubigerversammlung, bei der die Gläubiger über den vorgeschlagenen Plan abstimmen. Wird der Plan angenommen, kann das Unternehmen saniert und fortgeführt werden. Alternativ ist eine sogenannte übertragende Sanierung möglich, bei der das Unternehmen oder Teile davon an einen neuen Eigentümer übertragen werden. Im ungünstigsten Fall – wenn keine tragfähige Lösung gefunden wird – droht die Liquidation.
Bäckerei Leifert im Kontext der Branchenkrise
Das Bäckerei Leifert Insolvenzverfahren steht nicht für sich allein. Es reiht sich ein in eine besorgniserregende Serie von Insolvenzen im deutschen Bäckerhandwerk. Andere bekannte Namen wie die Bäckereikette Lila Bäcker aus Norddeutschland oder die Bäckerei Steinecke haben in den vergangenen Jahren ebenfalls Insolvenz angemeldet – und nicht alle haben die Krise überlebt.
Der Strukturwandel in der Branche ist seit Jahrzehnten spürbar: Die Zahl der Bäckereien in Deutschland ist kontinuierlich gesunken, während der Lebensmitteleinzelhandel immer stärker in den Backwarenmarkt vordringt. Industriell gefertigte Produkte zu niedrigen Preisen machen es Handwerksbäckereien schwer, wettbewerbsfähig zu bleiben.
Dabei gibt es durchaus Wege aus der Krise: Betriebe, die auf Regionalität, Transparenz und Premiumqualität setzen, können eine treue Kundschaft aufbauen, die bereit ist, mehr zu bezahlen. Studien zeigen, dass die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft für Produkte mit klar kommunizierter regionaler Herkunft bei rund 18 bis 20 Prozent höher liegt als bei vergleichbaren Standardprodukten. Für Leifert könnte genau diese Positionierung ein wichtiger Baustein der Sanierungsstrategie sein.
Fazit und Ausblick
Das Bäckerei Leifert Insolvenzverfahren ist ein ernstes Signal – für das Unternehmen selbst, aber auch für die gesamte Bäckereibranche in Deutschland. Nach über 70 Jahren Familiengeschichte steht das Unternehmen vor der vielleicht größten Herausforderung seiner Geschichte.
Gleichzeitig bietet die gewählte Form der Insolvenz in Eigenverwaltung eine realistische Chance auf Neustart. Die Geschäftsführung hat Handlungswillen gezeigt, erfahrene Sanierungsexperten wurden eingebunden, und der Betrieb läuft weiter. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Kundinnen und Kunden können die Bäckerei in dieser schwierigen Phase unterstützen, indem sie die Filialen weiterhin besuchen und das Angebot nutzen. Wer als Gläubiger Forderungen gegenüber dem Unternehmen hat, sollte diese unbedingt fristgerecht bis zum 5. März 2026 beim Sachwalter Dr. Malte Köster anmelden.
Wie das Verfahren letztlich ausgeht, bleibt offen. Es hängt von vielen Faktoren ab: dem Insolvenzplan, den Verhandlungen mit Gläubigern und möglichen Investoren sowie der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Eines ist jedoch sicher – Leifert kämpft um seine Zukunft, und dieser Kampf ist noch nicht verloren.
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